Samstag, 6. Juni 2009

Saka Dawa und ein typischer Tagesablauf

Liebe Freunde, Leser, Praktizierende und Interessierte

Heute erhielt ich bereits den dritten Brief, der mir von Leser(innen) dieses Weblogs geschrieben wurde. Viele lieben Dank dafür an alle, die sich diese Mühe machen. Ich freue mich darüber außerordentlich. Auch wenn ich noch keine Gelegenheit hatte die Absender persönlich kennen zu lernen, mindert das meine Freude über die Briefe nicht im Geringsten!

In einem der Briefe wurde ich gebeten den Tagesablauf der Mönche aufzuschreiben, und da dies sicher auch andere interessieren wird, tue ich dies hier.
Der Tagesablauf ist immer etwas unterschiedlich, die genauen Zeiten für den Vormittag erfahren wir am vorhergehenden Abend, den für den Nachmittag am Vormittag, und so weiter. Nicht selten finden beispielsweise Pujas statt, anstelle der hier beschriebenen Aktivitäten. Aber er sieht exemplarisch wie folgt aus.
Um 5:30 Uhr findet die morgendliche Puja im Sera Jey Tempel statt. Dort gibt es auch Frühstück, aus Buttertee und etwas Brot bestehend. Das Brot ist eine runde, flache Scheibe aus recht schlichtem Teig. Darauf klebt oft ein Stückchen Marmelade und ein Stückchen Erdnussbutter, beides wird mit den Fingern auf der Scheibe verteilt.
Meist geht die morgendliche Puja bis 6:30 Uhr oder 7 Uhr. Danach kehren alle auf ihre Zimmer zurück und fegen, erfüllen die jeweiligen Verpflichtungen und Gebete. Schon bald darauf hört und sieht man die ersten Mönche im Garten und auf den Fluren auf und ab gehen und Texte vor sich her rufen, um sie auswendig zu lernen oder im Geist weiter zu festigen.
Um 8 oder 9 Uhr gehen die jüngeren Mönche zur Schule und für die anderen beginnt um 9 Uhr die Debatte auf dem Debattierhof. Bis um 11 Uhr wird debattiert, unterbrochen von gemeinsamen Rezitationen wie dem Lobpreis an die 21 Taras. Um 11 Uhr gehen alle direkt vom Debattierhof in den Tempel und setzen sich brav, nach Klassenzugehörigkeit sortiert in die Reihen. Diese sind so angeordnet, dass sich die Mönche gegenüber sitzen, nicht wie im Westen oft üblich gemeinsam in Richtung des Altars. Der Disziplinar und seine Helfer wählen dann eine Reihe von jüngeren Mönchen mit einer schnellen Handbewegung aus, die nun aufspringt und aus dem Gebäude stürmt, um von draußen die Eimer mit dem Essen zu holen. Zum Mittagessen gibt es immer abwechselnd Daal mit Reis oder Daal mit Brot. Die Austeilung des Essens ist sehr gut koordiniert und dauert insgesamt nicht länger als 4 Minuten für mehrere tausend Mönche. Währenddessen wird gemeinsam rezitiert. Wir haben ungefähr 5 Minuten zum Essen und dann drängen, nach einer weiteren sehr kurzen Rezitation, alle Mönche so schnell wie möglich wieder raus und zu ihren Häusern. Gegen 11:20 Uhr sind auch wir, die am anderen Ende des Klosters leben, an unserem Haus No. 17 angekommen und verbringen meist noch eine viertel bis halbe Stunde in kleinen zufälligen Gruppen miteinander zum Reden, bevor alle auf ihre Zimmer gehen und der großen Hitze mit einem Mittagsschlaf zu entgehen versuchen.
Wann die Mönche wieder zum Leben erwachen ist sehr individuell, aber ab 14 Uhr hört man schon hier und da wieder Mönche Texte rezitieren, sieht sie im Garten ihre Wäsche waschen oder auch still in ihren Zimmern lesen. Gegen 15 Uhr gehen die Mönche entweder zur Puja oder zum Text-Unterricht. Um 17 Uhr gibt es wieder Essen nach obigem Schema und um 18 Uhr beginnt erneut die Debatte. Ob die Mönche um 21 Uhr schon wieder zurück kommen, um in ihren Zimmern weiter zu studieren, oder bis in späteste Nacht weiter debattieren, bleibt ihnen selbst überlassen. Ab 22 Uhr gehen die Mönche, die bereits von der Debatte zurückgekehrt sind, wieder die Flure und den Garten auf und ab und rufen so laut sie können Texte vor sich her zum Auswendiglernen. Zwischen 0 und 2 Uhr Nachts verklingen die letzten Stimmen.

Den ganzen aktuellen Monat des tibetischen Kalenders haben wir Saka Dawa, aber speziell morgen (07.06.2009) ist der 15. des tibetischen Monats und daher der eigentliche Feiertag. An diesem Tag finden besonders viele Pujas statt, also mehr als diesen Monat eh schon. Besonders schön finde ich, dass dieser Tag (wie immer) mit Sojong zusammen fällt. Nicht nur weil das Sojong-Ritual sehr inspirierend ist für uns Mönche, sondern auch weil wir dann diesen kraftvollen Feiertag, an dem angesammelte Karmas um vieles verstärkt sein sollen, mit frisch bereinigten Gelübden beginnen können. Aber auch so schon ist Sojong zu haben ein Anlass zur Freude an sich. Für Mönche und Nonnen ist es ein sehr zentrales, alle 2 Wochen stattfindendes gemeinsames Ritual, das direkt auf den Buddha zurück geht und während dessen die Anwesenheit der Buddhas und Bodhisattvas ganz besonders stark zu spüren ist.

Schon seit ich hier bin gebe ich immer mal wieder informelle Englisch-stunden für Lhawang, hauptsächlich das Erlernen der Buchstaben und der Aussprache von einfachen Worten, und im Gegenzug gibt er mir jetzt, wenn ich ihn daran oft genug erinnere, dann aber sehr motiviert, Unterricht in der Benutzung der rituellen Instrumente, Mudras und so weiter. Da er der Umze (Vorsänger) unserer Hausgruppe ist, eignet er sich dafür in höchstem Maße.

An den Dienstagabenden hat sich inzwischen der Brauch etabliert, dass ich mit Lhawang und anderen Mönchen lange Spaziergänge mache. Wir unterhalten uns dabei über alle möglichen Themen, ausschließlich auf Tibetisch, und inzwischen klappt das auch ganz gut, da sich sowohl Lhawang als auch die anderen mit denen wir bisher gegangen sind, sich die Mühe gemacht haben einigermaßen dialektfrei und deutlich zu sprechen und unbekannte Worte zu wiederholen und auf Nachfrage zu erklären. Dadurch können wir bei den Themen dann auch die Tiefe gehen. Es ist ein sehr schönes Gefühl, wenn solche vollständigen Konversation funktionieren. Einer der Mönche der kürzlich mit anderen Europa und auch ausführlich das Tibetische Zentrum besucht hat, erzählte mir bei einem solchen Spaziergang wie schön er Hamburg bzw. Deutschland fand, wie viel schöner vor allem als Frankreich, und wie begeistert er von den Praktizierenden gewesen sei. So viele Laien, die ernsthaft den Dharma studieren und ihn tiefgründig verstehen. Damit meinte er nicht ein tiefes Verständnis der Philosophie, sondern des Lamrims. Anderen Orts werde von der Masse der Buddhisten einfach akzeptiert und oft unverstanden versucht zu praktizieren, aber besonders in Deutschland beruhe bei den Laien die Praxis auf echtem Verständnis. Davon war er sehr beeindruckt.
Er selbst macht nächstes Jahr seinen Abschluss zum Geshe.

Das Wetter ist immer noch sehr viel regnerischer als sonst um diese Jahreszeit, sagt man mir. Es regnet und stürmt alle paar Tage ziemlich stark, dabei ist noch kein Monsun. Ich genieße das Wetter, vor allem die spektakulären Gewitter. Fast ohne Donner, nur ein fortwährendes Grollen über den Wolken. Diese leuchten in verschiedenen Tönen von orange bis lila. Dann circa alle 20 Sekunden ein Blitz, immer aus einer anderen Himmelsrichtung, der die gesamte Wolkendecke von innen illuminiert. Manchmal ganz ohne Regen, manchmal leichter Niesel, oft aber mit einem schnellen Sturm der die dicken Wassertropfen gegen alle Seiten wirft.
An Tagen an denen wir Strom haben, beschränkt dieser sich auf den Mittag und die Nacht. Neulich am Abend, als so ein Gewittersturm tobte und wir keinen Strom hatten, hatte ich den ganzen Tag keine Gelegenheit gehabt etwas zu essen und mir deshalb in der kleinen Küche bei Kerzenschein auf der Gasflamme Instant-Nudeln gekocht. Eine Atmosphäre in die ich nur zu gerne eintauche. Da während eines solchen Wetters das Land noch intensiver riecht, werden wirklich alle Sinne gleichzeitig stimuliert.
Der Geruch Indiens im Allgemeinen ist zwar durchaus nicht nur angenehm, denn die Noten von Verwesung und Fäkalien sind mindestens als Untertöne allgegenwärtig, dennoch riecht das Land für mich sehr lebendig. Es fällt leicht beliebige positive Attribute wie Ursprünglichkeit oder Abenteuer hinein zu projizieren.
An vielen Abenden kommen zu all dem noch das schnelle rhythmische Trommeln oder typisch indische Gesänge hinzu, die von der kleinen Hindu-Siedlung aus durch mein Fenster tönen, ziemlich laut aber angenehm. Sie feiern oft und lange. Neulich fingen sie an einem Mittag an und hörten für 2 Tage nicht wieder auf, auch in den Nächten nicht. Egal wie spät/früh, wurden sie nicht mal leiser. Eine unglaubliche Energie, die die Hindus dort beim Feiern aufzubringen scheinen.

Vor anderthalb Wochen war ein besonderer Tag im Kloster, denn die besten Mönche des 5. Studienjahres bekamen Auszeichnungen und natürlich ist einer davon auch in unserem Haus. Der Tehor-Kangtsen ist für seine Strenge und Disziplin, aber auch für seine exzellenten Studenten bekannt. Hier wurde am Vormittag groß Hausputz gemacht und dann alles geschmückt und glückverheißende Symbole auf den Boden gezeichnet mit Kreide. Dann kamen von mittags bis abends Mönche von überall her aus dem Kloster und überreichten dem ausgezeichneten Mönch weiße Seidenschals mit Geldumschlägen. Meiner Schätzung nach kamen um die tausend Gratulanten. Diesen wurden dann auch Getränke und Gebäck gereicht. Da sie über den Tag verteilt kamen, mussten die Mönche meines Hauses dort Ewigkeiten stehen und diese Dinge reichen, aber es schien allen einen großen Spaß zu machen. Die Übergabe fand im Vorzimmer zu dem Zimmer von Geshe Pema Samten statt, weil es der schönste Raum unseres Hauses ist. Darin lag bereits als ich kam um mein Geschenk zu übergeben, ein mindestens 1,5 Meter hoher Berg an Seidenschals, der immer wieder von der anderen Seite abgetragen wurde, wo die Schals raus gebracht wurden und im Flur über eine Leine gehängt. Allgemein eine sehr schöne und freudige Atmosphäre und sicher für alle sehr motivierend. Es wurde zur Feier des Tages von unserem Haus aus Essen für unsere Mönche gekocht zum Mittag und Nachmittag, wobei am Mittag jeder sich sein Essen abholen konnte und am Nachmittag von Tür zu Tür gegangen wurde um das Essen auszuteilen. Die Essensausgabe fand aus den leeren Farbeimern heraus statt, die wir normalerweise zum Wäschewaschen verwenden. Auf die Idee den Daal darin auszuteilen wäre ich nicht gekommen.

Letzten Sonntag setzte ich mich zum Rezitieren aufs Dach, in den Schatten, wo zumindest ein leichter Wind zu spüren war, der die Hitze erträglicher machte. Als ich so rezitierte, setzte sich ein ziemlich lustig aussehender Schmetterling auf mein Knie. Erst wollte ich ihn sanft abschütteln, aber dann fiel mir ein, dass es eine viel bessere Idee wäre, ihn dort sitzen und mir beim Rezitieren zuhören zu lassen und so heilsame Eindrücke in seinen Geist zu setzen und einen Samen für eine enge Beziehung mit ihm in der Zukunft zu legen. Also rezitierte ich weiter und er saß ganz ruhig und bewegte sich nicht mal, wenn ich mich etwas bewegte und er dadurch auf den Falten meiner Robe hin und her geschaukelt wurde. Nach über einer halben Stunde, in der er freiwillig oder nicht dem Dharma zugehört hatte, flog er weiter.

Sonntag, 17. Mai 2009

Ein Tropfen der sprudelnden Fontäne

Meine Teilnahme an der Chödra, der Debatte, habe ich erstmal noch verschoben, weil ich merkte, dass alleine die Vorbereitungen auf die Debattiersitzungen all meine Zeit so weit konsumierten, dass keine Zeit mehr für das Erlernen der Umgangssprache übrig blieb. Wenn meine Sprachkenntnisse ausgeweiteter sind hingegen werde ich vermutlich auch mit wesentlich weniger Vorbereitungen teilnehmen und davon profitieren können.

Vor 2 Wochen wurde ich von einem kleinen Tier gebissen (oder gestochen), welches für mich wie ein kleiner Skorpion aussah, der auf meinem Unterarm saß. Ich sah ihn erst, als er schon dabei war mir sein Gift zu injizieren, weil mich der stechende Schmerz erschrak. Die betreffende Stelle wurde schnell recht rot und schmerzte ungewöhnlich stark. Im Laufe der nächsten Tage schwoll mein Arm auf doppelten Umfang und tat
stark weh, jedoch gerade als alle Ärzte geschlossen hatten. Nach einer Woche ließen Schmerz und Schwellung aber schon wieder ab und inzwischen ist der Arm, einige Zentimeter um die Stelle herum, nur noch leicht verfärbt.

Letzten Dienstag kam Tsondru rüber zu mir und wir haben erst zusammen Nudeln gekocht, für die ich vorher in Kushalnagar die Zutaten eingekauft hatte. Ich bekam sogar Tomatenmark und Tsondru, der geübte Koch, schaffte es daraus eine ziemlich originale italienische Soße zu basteln, da er all die entsprechenden Gewürze bei sich auf Vorrat hat. Es war ziemlich nett mal wieder nicht-indisches Essen zu essen, bzw. heimisches. Danach gingen wir lange spazieren; wir wanderten zu und auf einen nahen Berg. Die indische Landschaft ist wirklich beeindruckend. Ich machte viele Photos, doch leider merkte ich schon während des photographierens, dass sich diese monumentalen Schluchten, Berge, Jungel und Gewässer nicht vernünftig einfangen lassen, jedenfalls nicht von mir mit meiner Digitalkamera. Während das menschliche Auge diese strahlenden, bunten Farben problemlos aufnimmt, sehen die Photos fad und vergleichsweise farblos, sogar dunkel (trotz heftiger Sonne) aus. Auch sieht das Auge
noch in weiter Ferne die anderen Berge in den Himmel ragen, während die Kamera den Horizont zu einem einzigen Brei vermischt als läge das Land im Nebel.

Auf den Berg hinauf führte ein offenbar uralter Steinweg, den ich versucht bin Treppe zu nennen, aber befürchte damit falsche Assoziationen hervorzurufen, denn es sah beinahe nicht von Menschen gemacht aus, sondern eher wie zufällige aus dem Boden ragende Steine die zufällig das Bergsteigen erleichterten. Zwischen den Steinen waren
diverse Schlangen, auf die wir mehrfach beinahe getreten wären, dank ihrer guten Tarnung, was für uns vermutlich sehr schlimm ausgegangen wäre, da sie giftig und wir nur in Sandalen unterwegs waren. Oben auf dem Berg war ein alter verlassener Hindu-Tempel und darüber am Gipfel tibetische Gebetsfahnen. Die Aussicht war spektakulär und wir verweilten etwas.



Der Weg zum Berg und zurück führte uns durch ein kleines indisches Dorf wie es ärmlicher nicht sein könnte. Es gab Stroh- und einfache Steinhütten, von denen kaum eine die Größe meines Zimmers erreichte. Türen waren nicht vorhanden, so sah man schnell, dass diese Hütten allesamt vollständig leer waren, keinerlei Einrichtung, nur der Erdboden, dafür aber bewohnt von Familien mit etlichen Kindern. Wirklich
unglücklich wirkten sie aber nicht. Das Dorf besaß sogar ein Gebäude, wieder nur vier Wände mit Dach, das wir als Schule identifizierten. Auf dem Rückweg musizierten einige der Bewohner gerade und es schien allgemein eine leichte Feierstimmung aufzukommen.


Sobald die Sonne nicht mehr so extrem auf das Kloster herunter brennt, findet man viele der Mönche auf den Dächern sitzen. Dort weht eine leichte, kühlere Briese und man kann sich entweder miteinander unterhalten oder Texte rezitieren/auswendig lernen. Sogar auf den Dächern der Restaurants und kleinen Einkaufsläden des Klosters sitzen dann oft Mönche. Es ist sehr schön, auch wenn für mich zur Zeit noch fast jedes Gespräch den Charakter einer Unterrichtsstunde annimmt, weil ich doch häufig bitten muss Worte zu wiederholen oder mir dieses oder jenes Wort zu erklären. Lustiger Weise erfahre ich dann meist am nächsten Tag beim richtigen Tibetischunterricht mit meinem Lehrer, dass die Worte und sogar die Grammatik oft doch stark vom Dialekt der Kham-Region geprägt ist und lerne dann wie es "richtig" heißt. Mit richtig meine ich hier eine Variante, die möglichst viele Tibeter verstehen werden wenn ich sie benutze und nicht nur die Khampas. Vor einigen Tagen schlug ich meinem Tibetischlehrer einen Wechsel in der Art des Unterrichts vor. Ich fand es war ein Punkt erreicht, an dem es hilfreicher wäre mehr miteinander Konversation zu üben, anstatt gemeinsam durch das Grammatikbuch zu gehen, wo dies doch einfach genug ist um auch größtenteils von mir alleine bearbeitet zu werden, was ich zur Vorbereitung eh schon immer getan habe. Erst schien er skeptisch,
denn er scheint es zu mögen mir Fragen zur tibetischen Grammatik zu beantworten, aber ich glaube sein häufiges Loben meiner Fortschritte zeigte dann schließlich seine Zustimmung zu dieser Methode. Idealer Weise wird sich eine Mischung aus Grammatikfragen und praktischen Übungen einpegeln.

Ebenfalls zum Thema Hör-Verstehen: seit kurzem habe ich einen großen Inspirationsschub in meiner Yamantaka-Praxis bekommen und höre/lese auch vermehrt Kommentare zu der Praxis, und mir fiel sehr positiv auf, dass ich doch schon recht viel verstehe, wenn ich mir die Aufnahmen der Geshes anhöre. Ich brauche natürlich trotzdem noch die Übersetzung, aber die unerwartete Feststellung dieses Fortschrittes freute mich dennoch.

Die tibetischen Mönche haben tagsüber Teppiche auf ihren Betten, in der Art einer Tagesdecke. Dies hat, wie ich finde, nicht nur einen optisch ansprechenden Effekt auf den Raum, sondern macht auch einen psychologischen Unterschied, indem es den Raum von einem Schlafzimmer in einen Raum verwandelt, der hauptsächlich auch Studierzimmer ist. Dazu sei angemerkt, dass Stühle und (hohe) Tische hier äußerst unüblich sind, weshalb die Betten ziemlich viele Funktionen erfüllen müssen. Man sitzt dort mit anderen zusammen zum Tee oder zum Lesen, zum Meditieren oder auch Studieren. Da diese Teppiche lediglich (umgerechnet) 10€ kosten, habe ich mir ebenfalls einen gekauft. Es hilft tatsächlich.
Mein nächstes Raumgestaltungsprojekt, um diesen noch praxistauglicher zu machen, ist die Organisation von großen Abbildungen von Geshe Pema Samten, Tsongkhapa und Yamantaka. Um mir entsprechende Thangkas leisten zu können muss ich wohl eine ziemlich lange Zeit sparen, deshalb werde ich zunächst Versuchen große Ausrucke anfertigen zu lassen. Aber auch dafür muss ich erst entsprechendes, ausdruckbares Bildmaterial auftreiben.

Auf den ersten Blick ist hier in Sera für einen Westler ja vieles anders als vielleicht erwartet, besonders was das nicht sehr achtsam oder ruhig wirkende Verhalten der meisten Mönche betrifft. Zwar ließe sich auch darüber vieles zur Rechtfertigung oder zur Ergänzung des Bildes sagen, denn auch all die "wilden" Mönche besitzen zumeist außerordentliche Qualitäten, die über das Offensichtliche hinaus gehen, worauf ich jedoch hier hinaus will, ist die große Inspiriation, die mir
jene heiligen Meister sind, die hier ganz offensichtlich und dennoch unscheinbar ihre segensreichen Aktivitäten vollbringen. Es versetzt mir noch immer kalte Schauer beim Gedanken daran am gleichen Ort sein zu können, der von diesen manifesten Buddhas und Bodhisattvas durch ihre Anwesenheit und ihre Belehrungen gesegnet wurde/wird. Es ist mir schier unbegreiflich wie viel positives Potential stetig an diesem Ort angesammelt wird. Eine unaufhörlich sprudelnde Fontäne des Heilsamen,
von der ich mich sehr glücklich schätzen kann, wenn ich auch nur einen Tropfen dazu beitragen kann.


Gerade als ich diesen Eintrag abschicken wollte, klopfte es an meine Tür und mir wurde mitgeteilt, dass jetzt sofort eine Puja stattfindet. Um 21:30 Uhr hatte ich damit heute nicht gerechnet und machte mich sofort auf den Weg. Sie fand hier im Tempel in unserem Garten statt, aber es kamen Mönche von überall, wir waren schließlich mehrere hundert, von denen bestimmt 70% nicht im Tempel Platz fanden, sondern sich in mehreren Reihen um diesen herum setzten. Der Anlass war der Todestag
eines vor über 13 Jahren verstorbenen hohen Lehreres des Hauses. Es war wirklich wunderschön, mit einem kleinen Meer aus Butterlampen in der Dunkelheit. Viele Lehrer hatten Geld gespendet, so dass alle Mönche haufenweise Geldscheine und Süßigkeiten ausgeteilt bekamen, insgesamt mehrere Euro pro Person. Die Atmosphäre war sehr ruhig und dem Anlass gewidmet und dennoch heiter. Sämtliche Fenster des Tempels waren offen, so dass eigentlich doch alle zusammen saßen und rezitierten. Die Puja dauerte bis kurz vor Mitternacht, als alle gut gelaunt auseinanderströmten.

Mittwoch, 29. April 2009

Sönam Wangden und anderes

Spielen am freien Tag
Das Wetter spielt immernoch verrückt, in dem es viel zu oft für diese Jahreszeit regnet und stürmt, was ich aber durch die leichte, dadurch entstehende Abkühlung, recht genieße.
Auf diesem Photo sieht man eine der Lieblingsaktivitäten vieler Mönche an ihrem einzigen freien Tag in der Woche, dem Dienstag. Die Mönche spielen sich am Nachmittag gemeinsam im Kreis stehend, abwechselnd mit den Füßen ein Drahtknäuel zu.

Vor ungefähr 2 Monaten bat mich Sönam Wangden, mein Tibetischlehrer, ihm die deutsche Aussprache beizubringen, weil er für sein zweites Buch über die Tibetische Sprache gerne einige Vergleiche zu anderen Sprachen heranziehen möchte, und für das Benutzen des deutschen Grammatikbuches das Wissen um die Aussprache nützlich fände. Die Aussprache konnte er nach einer halben Stunde akzentfrei, also brachte ich ihm einige Sätze und dann die Grundlagen der Grammatik bei, immer mal wieder hier und da ein paar Minuten, und da er alles was er einmal gehört hat sofort behalten kann, ist er inzwischen schon in der Lage selbstständig vollständige und korrekte Sätze zu bilden. Natürlich ist das Vokabular noch begrenzt, aber bei seiner Lerngeschwindigkeit dürfte er schon bald den Deutschen Konkurrenz machen. Dies beeindruckt mich nicht nur, weil er ein Tibeter ist, und die Tibeter normalerweise nicht so sehr erfolgreich im Lernen anderer Sprachen zu sein scheinen, sondern vor allem, weil er dies ohne jeglichen Aufwand erreicht, denn er verbringt, bis auf die wenige Zeit in der ich ihm etwas erkläre, keine Zeit mit Üben oder Lernen dieser Sprache, sondern lehrt und lernt die restliche Zeit die Buddhistische Philosophie, wie man es fleißiger nicht tun kann und hat darüber hinaus noch andere Verantwortlichkeiten. Sehr beeindruckend.

Für mich ist schon seit meiner Ankunft hier im Januar die Abgeschiedenheit dieses Klosters sehr zu gute gekommen. Es ist keineswegs ruhig, im Gegenteil lärmt es ständig und scheinbar überall in Indien, und auch andere Faktoren des Lebens mit den Tibetern eignen sich zur Irritation meines Geistes. In diesem Sinne ist es weniger abgeschieden als beispielsweise mein vorheriges Kloster, Nalanda, in Südfrankreich. Die Abgeschiedenheit, die ich hier finde, liegt auf einer anderen Ebene. Beispielsweise bekomme ich hier von alleine nichts mit vom Rest der Welt und den Nachrichten. Ich schreibe absichtlich "von alleine", weil ich selektiv, wann immer ich es möchte, mir natürlich Zugang zu Informationen beschaffen kann, und das tue ich auch 1 bis 3 mal die Woche. Ich kann meine Aufmerksamkeit also dem Weltgeschehen widmen wenn ich möchte, werde aber ansonsten vollkommen davon ungestört gelassen. Ein anderer wichtiger Punkt ist, immer nur von tausenden von Mönchen umgeben zu sein, mit Ausnahme einiger hier arbeitender Inder oder sehr sehr seltener Besucher. Dies ist effektvoll, da die anderen Mönche mich einerseits einer von vielen sein lassen, anstatt, wie im Westen, immer heraus zu stechen, und die Mönche generell in einem sehr anderen, sehr viel heilsameren Geisteszustand verweilen. All dies, und noch viel mehr, lässt auch meinen Geist in ungekannten Tiefen der Ruhe ankommen und ihn konzentriert, entspannt und gefügig werden.

In den letzten Wochen wurden hier viele Pujas und Gebete speziell auf Wunsch und für Seine Heiligkeit den Dalai Lama abgehalten. Dies führte zu weniger Schlaf unsererseits und einigen Ausfällen von anderen Aktivitäten, wie auch meines Tibetischunterrichts. Aber in einem Meer aus rot gekleideten Mönchen zu sitzen und gemeinsam ein Bewusstsein für das Wohlbefinden anderer Lebewesen zu entwickeln und gleichzeitig den Wunsch Seiner Heiligkeit zu erfüllen, ist diese Einschränkungen allemal wert.

Vor einigen Tagen rief mich, wiedermal vollkommen unerwartet, Geshe Pema Samten an. Mein Verständnis der tibetischen Sprache ist am Telefon nochmal um einiges schwächer als bei Blickkontakt und zusätzlich spricht Geshe Pema Samten einen starken Dialekt, so dass ich leider wenig verstehen konnte und wir bald auf eine Übersetzerin ausweichen mussten.
Das Telefonat war dennoch sehr inspirierend, denn er zeigte, wie schon zuvor, große Fähigkeiten im augenblicklichen Durchleuchten meines Geistes, wenn nicht sogar des Gedankenlesens, und sagte genau die richtigen Dinge, von denen ich selbst erst nachher begriff, wie hilfreich sie eigentlich waren. Er motivierte mich sehr und nahm einigen selbst auferlegten Erfolgsdruck von meinen Schultern und löste nebenbei noch einige kleinere Probleme, die gerade erst dabei waren zu entstehen.
Er zeigte und sagte mir auch nochmal, dass er, als mein Lehrer, für mich Sorge trägt und tragen wird und mich schützt, auf weltlicher und spiritueller oder psychologischer Ebene. Diese erneute Bestätigung, dass er tatsächlich und ganz leibhaftig bei mir ist, wie weit entfernt ich auch leben möge, ist von unschätzbarem Wert für mich. Es ist viel mehr als nur die Bestätigung, meine tiefe Verbundenheit ihm gegenüber, als sein Schüler, zu erwidern.

Mein Tibetischlehrer und Tsondrü, ein anderer Deutscher Mönch der hier seit über einem Jahr lebt und studiert und noch ein wenig jünger ist als ich, sind der Ansicht es wäre sehr nutzbringend schon sehr bald, am besten sofort, mit der Philosophischen Debatte (Chödra) zu beginnen.
Diese ist das wichtigste Lehrmittel im Studium und nimmt einen ausgesprochen hervorstehenden Platz im Tagesablauf der Mönche ein, weil gesagt wird, dass bei weitem der größte Teil des Verständnisses durch die Chödra entsteht. Es gibt jeden Tag viele Stunden der Debatte, aber vor allem in höheren Klassen nur 1 Stunde Unterricht alle paar Tage. Die Debatte ist übrigens nicht so passiv wie sie für einen westlichen Leser erscheinen mag: es sind Zweiergruppen aus Angreifer und Verteidiger (einer Lehrmeinung), die sich ein äußerst schnelles und komplexes Wortgefecht liefern, welches aus wohldefinierten Frage- und Antwortmöglichkeiten besteht, bei dem man sehr schnell in logische Sackgassen laufen kann und so sein Verständnis überprüft und erweitert.
An der Chödra teilzunehmen bedeutet für mich den letzten Schritt zu vollziehen wirklich dazu zu gehören, denn bisher lebe ich mit den anderen Mönchen zusammen, aber bei ihrer hauptsächlichen Aktivität nehme ich nicht teil. Dennoch ist ein gewisses Maß an Nervosität vorhanden, da ich weder das Vokabular der Debatte vollständig beherrsche, noch die entsprechenden Texte auswendig gelernt habe oder auch nur die Umgangssprache schon gut genug beherrschen würde um im Notfall Missverständnisse aufzudecken. Zumindest die ersten beiden Punkte werde ich hoffentlich vor meinem ersten Tag in der Chödra noch beseitigen können.

Montag, 20. April 2009

Liebe Freunde,

seit dem 21.12.2007 bin ich buddhistischer Mönch und studiere, nachdem ich ein Jahr im Kloster Nalanda in Südfrankreich gelebt und gelernt habe, inzwischen in der Klosteruniversität Sera Jey in Südindien, im Herzen der Gelugpa Tradition, die Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama folgt.

Das Eingangstor zu diesem Weg war für mich das Tibetische Zentrum in Hamburg, welchem ich mich stetig eng verbunden fühle, auch wenn ich bisher meist in weit entfernten Klöstern lebe. Dem Zentrum, den Lehrern und den Mitgliedern dort verdanke ich es hier sein zu können, indem ich vom dort residierenden Ehrwürdigen Geshe Pema Samten, meinem Lehrer, spirituelle Führung und von dem Verein finanzielle Förderung bekomme.

Sera ist eine der drei großen tibetischen Exil-Klosteruniversitäten in Indien und der beste Ort ein intensives und authentisch vermitteltes Dharmastudium als Mönch durchzuführen. Nach über 20 Jahren der philosophischen Studien, hauptsächlich aus der Debatte bestehend, kann man hier den Geshe Titel erlangen, oder sogar den höchsten Grad des Lharampa Geshe. Dies zu versuchen ist auch mein Ziel, um später zum Nutzen der Lebewesen selbst den Dharma unterrichten zu können und damit auch den Wünschen meiner gütigen Lehrer zu entsprechen.

Vielen Dank!

Euer Losang Khedrub

Donnerstag, 9. April 2009

Meine ersten 2 Monate in Sera


Seit über zwei Monaten bin ich nun in der Klosteruniversität Sera Jey in Südindien. Da Geshe Pema Samten schon im Voraus meinen Aufenthalt hier vorbereitet hatte, konnte ich von Anfang an in optimalen Bedingungen leben. Die wenigen anderen Westler die hier sind, haben normalerweise anfangs Schwierigkeiten beispielsweise einen Tibetischlehrer zu finden, wohingehen der mich betreuende Lehrer Sönam Wangden ein augezeichneter Lehrer und Meister der Tibetischen Sprache ist, über die er bereits sein zweites Buch schreibt und der ausser mir noch viele andere Schüler hat, sowohl für die Tibetische und die Englische Sprache als auch für die Philosophischen Texte des Geshe-Studienprogrammes.

Das Haus in dem ich Leben darf, welches erst letztes Jahr mit Hilfe der Förderung des Tibetischen Zentrums fertig gestellt wurde, ist sehr schön und verhältnismäßig sehr sauber. Es ist das Haus in dem auch Geshe Pema Samten gelebt und studiert hat hier in Sera und die ca. 70 Mönche dieses Haus sind alle samt sehr liebenswert, bedingunslos hilfbereit, offen, entspannt, fleißig und herzlich. Es ist mir eine große Freude in dieser Hausgruppe zu leben und ich fühle mich sehr warmherzig aufgenommen.
In diesem Haus bin ich der einzige Westler, aber gleich um die Ecke ist das Haus vom IMI (International Mahayana Institute), in dem fast alle anderen Weslter zusammen wohnen. Sogar ein anderer deutscher Mönch lebt dort seit knapp über einem Jahr, der auch äußerst entspannt und beeindruckend gut im Studium ist.

Nach meiner Ankunft hier habe ich all den notwendigen und exzessiven Papierkram mit der Hilfe eines sehr lieben tibetischen Mönches erledigen können und kaum war ich damit nach einigen Wochen fertig, bekam ich die oblogatorische Lebensmittelvergiftung. Eine Woche später kam Seine Heiligkeit der Dalai Lama, zu dessen Besuch ich zum Glück wieder rechtzeitig gesund war, und gab einige Wochen lang Gelong-Ordinationen, Einweihungen und Belehrungen. Kaum war er wieder weg wurde hier eine Woche lang Losar (Tibetisch Neujahr) nachgefeiert. Wenn die Tibeter studieren, dann studieren sie intensiv und beinahe pausenlos, aber wenn sie Feiern, dann ist dies ebenso intensiv.

Jetzt ist das neue Studienjahr wieder losgegangen und alle hier sind sehr fleißig. Ich bekomme täglich Unterricht vom oben bereits erwähnten Sönam Wangden. Zur Zeit gehen wir durch das Grammatikgedicht Leschä Sumchu, welches in der Schule von allen Tibetern auswendig gelernt wird und welches auch ich gerade parallel auswendig lerne.

Das Wetter ist sehr heiß, über 40 Grad, womit ich besser als erwartet klar komme. Eigentlich bevorzuge ich die Kälte, aber diese und andere Schwierigkeiten spielen, vielleicht dank meiner mentalen Vorbereitung auf diese oder weil ich so froh bin überhaupt hier sein zu können und so
gute Bedingungen zu haben, für mich hier keine Rolle. Von März bis Mai sind hier die drei heißesten Monate, danach bin ich gespannt auf den Monsun.

Ich habe vor hier ungefähr alle zwei Wochen einen Eintrag zu hinterlassen.
Alles Liebe,
Losang Khedrub

PS: Wer mir auch schreiben möchte:
Losang Khedrub
Sera Jey Monastic University
House 17, Tehor Khangtsen
P.O. Bylakuppe 571104
Distr. Mysore K.S.
INDIA

Ich freue mich über Eure Post.

Mittwoch, 8. April 2009

ein paar Bilder aus Haus 17, wo ich lebe


...mein Zimmer













und hierlang gehts zum Debattierhof.




















Blick auf den Tempel von Haus Nr. 17